Vorübergehende oder endgültige Weiterführung …

Wesentliche Teile dieses Blogs werden Stück für Stück durch  das Kulturblog  übernommen.

Dort wird dann auch das Literaturjournal DREI fortgeführt.

Ausgewählte Beiträge der Vorwoche im GdT

Gunda Jaron Wieder Weihnacht … “ (heute zum Advent …)

Slov ant Gali  „entbunden“ (Samstag)

Mircea M. Pop  „In der Ewigkeit“ (Freitag)

Slov ant Gali „Am Ende einer Ehe“ (Donnerstag)

Sebastian Deya „Irrlichter“ (Mittwoch)

Slov ant Gali „Animageddon“ (Dienstag)

Petra NamysloDie Abenteuer der Argonauten (II)“ (Montag)

und als Wochenzugabe das Terrorismusgedicht Slov ant Gali: Vom Mehlpaket oder Auge um Auge … 

Ein paar Beiträge der letzten sechs Tage auf GdT

Gunda JaronKonditional

Roger SuffoDie blaue Blume ist tot

Sebastian DeyaPsychologie für Menschenkenner und Tierfreunde (2)

Ursula GressmannAm Strand

Slov ant Gali „Für Friedrich Schiller

Des 9.11. sollten „wir Deutschen“ wohl eher gedenken als des 11.9. …

Nein, etwas wirklich „Neues“ ist es nicht. Es gibt einfach Tage, an die sollte man sich – und sei es einmal im Jahr … – bewusst erinnern. Meine Form sind diese Gedichte. „Anne (1) “ und „Anne (2) “. Da gibt es wohl keine Frage, welche Anne da gemeint ist und für welche Schicksale sie als Symbol steht. Und für die, die wieder rufen „Deutsche zuerst!“, „Nummer 54“ dazu … Scham … Dabei habe ich als einzelner Mensch DIESE Schuld nicht auf mich geladen …

Alois, der Terrorist

 Die Farbenvielfalt war verwirrend. Alois beschloss, als nächstes unter dem knallroten Blatt zu seiner Linken hindurch zu krabbeln. Ein paar Meter würde er heute noch hinter sich bringen, doch er bemerkte schon, wie er begann, müde zu werden.
Er würde sich, so weit unterhalb des Laubes wie möglich, also so nahe wie machbar am warmen Erdboden ein Fleckchen suchen. Erst das Dämmerlicht des nächsten Tages würde ihn aufwecken. „So erschöpft, wie ich mich fühle, schlafe ich bestimmt, ohne zu träumen!“
Seit etlichen Tagen nämlich, verfolgten den kleinen Käfer Alois dunkle Gedankenwolken durch die Nacht, Albträume, an die er sich nach dem Aufwachen nur schemenhaft erinnern konnte. Es ging in diesen Träumen um Situationen, die er in seinem kurzen Käferdasein schon erlebt hatte, doch immer waren sie begleitet gewesen von einem unangenehmen Gefühl.
Heute jedoch hatte er sich entschlossen. Endlich. Die Entscheidung hatte er während eines ausgiebigen Sonnenbades gefällt. Wie ein Blitz war sie ihm gekommen die Idee. Und er wusste plötzlich, was der Sinn war. Der Sinn allen Daseins. Er war nicht, eine Kugel aus Kot zu drehen oder eine Frau zu finden, um eine Bruthöhle zu bauen. Nein.Der Baum war es. Der größte Baum hier im Park. Und Alois hatte schon viele Hölzer gesehen und bestaunt. Beileibe. Doch dieser war extravagant. Er stellte etwas Besonderes dar. Und er der kleine Mistkäfer Alois würde ihn besteigen.
Noch nie hatte er davon gehört, dass kleine Mistkäfer große Bäume bestiegen. Kameraden, die er unterwegs getroffen hatte, denen er von seinem Vorhaben erzählt hatte, griffen sich nur mit ihren Fühlern an den Kopf und nickten beruhigend. Fast als ob sie ihn für verrückt und gefährlich hielten.
Doch Alois war sich seiner Sache sicher. Er fühlte die Notwendigkeit, diesen Baum zu erklimmen, irgendwie aus sich selbst heraus. Auch wenn die Menschenmassen, die momentan durch den Wald trampelten, ein guter Grund waren, zu flüchten.
Als ein neuer Tag heraufdämmerte, der sehr sonnig und warm zu werden versprach, sah man den kleinen, grün schillernden Skarabäus schon wieder über Blätter und kleine Zweige klettern.
Gegen Mittag erreichte er den Baum. Es handelte sich um eine Eiche, doch dass die Menschen ihn so nannten, wusste Alois natürlich nicht. Für ihn war das Holz nur ein Ehrfurcht gebietender, weiser, alter Freund. So war es. Eine Beziehung, die Menschen nicht nachvollziehen konnten.
Der Käfer fand am Fuß des Baumes etliche leckere Pilzkulturen, die ein reichliches Mittagsmahl ergaben.
So gestärkt machte er sich an den Aufstieg. Seine sechs Beine fanden Halt in den kleinsten Unebenheiten der Rinde, er kam schnell voran, jetzt wo ihm keine Blätter oder Äste wie am Boden mehr im Weg waren. Es sollte ein weiter und gefährlicher Weg werden.
Etwa auf der Hälfte der Strecke nahm er links, in einiger Entfernung eine Bewegung wahr. Die Alarmglocken seines Instinkts schlugen lärmend an.
„Schlange! Schlange! Gefahr! Gefahr!“ hämmerte es durch seinen Kopf.
Tatsächlich, eine kleine grüne Schlange, die in dieser Höhe wohnte, bewegte sich züngelnd auf ihn zu. Alois erstarrte in seiner Bewegung.
Sollte das sein Ende sein?
Die Schlange stoppte ihre Bewegung kurz vor seinen Fühlern.
„SSSchon gehört, was hier losss isssst?“
„Nnnein, Ffrau Schschlange.“ stotterte der kleine Alois. Seine drei Körperteile zuckten wie im Krampf.
„Dummer Käfer!“ zischelte die Schlangendame und drängte sich an ihm vorbei.
Der Käfer atmete tief durch. Trotzdem er gerade dem Tod entkommen war fühlte er sich durch das seltsame Verhalten der Schlange beleidigt.
Dumm? Nein, das war er sicher nicht. Im Gegenteil, damals, daheim hatte er ernsthafte Überlegungen zum Sinn des Lebens angestellt, sogar Gedichte hatte er geschrieben! Ein Philosoph war er, ja. Kein dummer Käfer.
Er drehte sich um, wollte der Schlange noch etwas nachrufen, doch die war schon verschwunden.
Er kletterte weiter dem Wipfel zu. Ein paar Mal konnte er noch verschiedene andere Käfer, aber nicht von seiner Art, in ihre Höhlen oder hinter Blättern verschwinden sehen, doch niemand sprach ihn mehr an. Er stellte einen Außenseiter dar, auf diesem Baum. Der Baum, ja. Der dagegen redete eigentlich ständig zu ihm. Nicht unbedingt in Worten, nein. Doch da gab es so ein unbestimmtes, beruhigendes Brummen, etwas dass sich so anfühlte, als ob es nur von einem starken, sehr alten, weisen Wesen kommen könnte. Auch empfand er den Baum als wunderbar warm, er kroch also buchstäblich durch ein Wohlbehagen, wie er es auf der Erde noch nie gefunden hatte. Nach etlichen Stunden des Klimmens wurde der Umfang des Holzes immer weniger, so auch die Äste und Blätter. Alois wusste, er war angreifbar.
Kurz darauf passierte es. Er sah einen Schatten, fühlte einen Luftzug, ließ sich, ohne dass ihm sein Tun bewusst wurde, auf einen tiefer gelegenen Ast fallen.
Mit einem empörten Krächzer stoppte eine Amsel gerade noch rechtzeitig ihren Sturzflug. Der gelbe Schnabel fuhr an Alois vorbei.
Der kleine Käfer wischte sich mit seinen beiden empfindlichen Fühlern über die Stirn.
Eine knappe Angelegenheit. In Zukunft würde er besser aufpassen!
Nach einer weiteren Stunde endlich, erreichte er den Wipfel der Eiche.
Staunend genoss er den Blick über den Park. Wie wunderbar! All die Bäume! All das Grün!
Er fand einen wunderschönen Platz in der Gabel eines Zweiges. Als die Sonne ihre letzten Strahlen aussandt, fanden sie schon einen kleinen Käfer vor, der tief und traumlos, mit einem glücklichen Lächeln auf den Lippen, fest schlief.Andere, vorwitzige Strahlen kitzelten ihn am frühen Morgen wach. Er frühstückte ein Stockwerk weiter unten, betrachtete dabei einen herrlichen Sonnenaufgang, hörte zu, wie die Natur erwachte.
Dann, als er an der Rückseite des Baumes wieder seinen Weg nach oben suchte, fiel sein Blick auf ein Gebäude der Menschen, es war gerade noch durch die Äste und das Blattwerk, das jetzt im Herbst schon spärlicher wurde, zu erkennen. Hässliche, riesige Spinnentiere waren dabei, es zu zerstören. Alois verdrückte eine Träne. Das Gebäude gehörte zu seiner Kindheit, er staunte, wie schön es eigentlich war, von hier oben aus betrachtet. Doch die Spinnenmaschinen rissen es ab. Seltsam waren sie, die Menschen!ohlgemut verbrachte Alois den Vormittag, atmete gemeinsam mit dem Baum, fühlte dessen Stärke und fühlte sich sehr geborgen.
Dann, gegen nachmittag, kam Unruhe auf. Er fühlte kleine Erschütterungen durch den Baum fahren, die Äste zitterten ein wenig. Er spähte nach unten und konnte durch die Äste viele Menschen erkennen. Da ging etwas Seltsames vor sich!
Er kletterte bis an den äußersten Rand eines Astes, um mehr zu erkennen.
Ganz offensichtlich stritten sich die Menschen. Die bunt Gekleideten gegen die Grünen mit den weißen Köpfen. Schreie drangen zu ihm herauf, Alois hörte die Verzweiflung auf der einen und die Wut auf der anderen Seite. Stundenlang dauerte der Krawall, dann wurde es wieder ruhig. Doch nun standen seltsame gelbe Geräte in der Nähe der Eiche.
Das Geschrei, die Rufe der Bunten gingen weiter, doch der Baum zitterte nicht mehr.
Viel mehr vermeinte Alois eine Veränderung in der Stimme des Holzgevatters zu erkennen. Nach wie vor heiter, jedoch in gewisser Weise fatalistischer, gemischt mit einer tiefen Traurigkeit.
An diesem Abend fand der kleine Käfer Alois keinen Schlaf.
Unten am Boden hatte man Scheinwerfer angeschaltet, der Käfer erspähte von seinem Beobachtungspunkt aus ein wahres Lichtermeer.
Dann vernahm Alois ein röhrendes, ja kreischendes Geräusch. Es überlief ihn eiskalt. Diesen Ton kannte er, die Menschen hatten einmal alte Äste entfernt, mit einem furchtbaren, verlängertem Arm, einem entsetzlichen Schneidwerkzeug. Dies hier klang genauso.
Durch einen Zufall war es Alois möglich, durch mehrere Äste und das Blattwerk hindurch, genau zum Stamm des Baumes zu sehen.
Dort stand einer dieser Menschen. Gehörte er zu den Bunten? Jedenfalls hatte er ein leuchtend rot gefärbtes Oberteil an. In seiner Hand konnte der Käfer das unselige Arbeitsgerät erkennen. Sie wollten den Baum umsägen! Das Gebrüll der Bunten war enorm angeschwollen. Aus einem unerfindlichen Grund heraus wusste Alois, dass seine Stunde gekommen war. Er verspürte es, er hatte keine Angst.

Karl Mallus ließ die im Leerlauf vor sich hintuckernde Motorsäge aufheulen. Triumphierend, mit einem dämlichen Grinsen, sah er sich zu seinen Kollegen um.
Dann legte er den Kopf in den Nacken und starrte fasziniert, mit offenem Mund, in das Geäst der majestätischen Eiche.
Der Mann neben ihm rief, über das Geräusch der Motorsäge und dem zornigen Gebrüll der Demonstranten hinweg:
„Jetzt fang doch endlich an!“
Karl Mallus nickte. In diesem Augenblick fiel etwas aus den Zweigen des Baumes, groß wie ein Bonbon und grünschwarz schillernd. Es traf so präzise die Mundöffnung des Handlangers, dass es sich tief in seine Kehle bohrte. Der Mann schloss die Augen, krümmte sich, hustete.
Mit laufender Motorsäge drehte er sich reflexartig zu seinem Kollegen. Die Kette des Werkzeuges fraß sich tief in dessen Bauch, Blut spritzte. Immer noch bewegte sich Mallus verzweifelt hin und her, würgte, hustete. Er geriet an die Geschwindigkeitseinstellung der Maschine, die Säge heulte auf, entwich seiner Hand und fuhr in seinen Oberschenkel. Schreiend brach Karl Mallus neben seinem Kumpel zusammen.

Die Abholzung des Stadtparks wurde ausgesetzt. „Die Natur rächt sich!“ skandierten die Boulevardblätter. Und sie wussten gar nicht, wie Recht sie hatten.
Karl Mallus spuckte den kleinen Skarabäus aus. Er flog in im hohen Bogen ins Moos des Stadtparks. Ein paar Tage später rollte Alois schließlich eine große Mistkugel und gründete eine nette kleine Familie..

©Thom Delißen 102010   Aktuelle Veröffentlichung „Question authority“

… wenn das mal nicht  D I E  Geschichte für dieses Blog ist … Ach ja … diese Geschichte antwortet natürlich der illegalen Fällung der Stuttgarter Bäume ….

ein anregendes Buch

Es ist angenehm, wenn  im  faschistoiden Hirntodwind eines Sarrazin-Papiervernichters auch gelegentlich ein Buch erscheint, das man lesen kann und das sich „Menschlichkeit“ leistet. Thom Delißens „Question authority“ ist so eines. Es sammelt Gedichte und so kurze Geschichten, dass man sie auch unterwegs lesen kann, Geschichten wie diese

Retours

Im August 2010

Der Wind packte den Wohnwagen auf dem kleinen Feld bei dem Städtchen Barcieux, einem Vorort von Paris, und ließ ihn, so schien es zumindest der neunjährigen Suna, zittern wie einen jungen Hund.
„Baba erzähl weiter!“
Die Großmutter warf einen besorgten Blick aus dem kleinen Plastikfenster.
„Solch eine Nacht, kleine Suna … mmh, das war es damals auch. Weißt, anfangs hatten wir uns nichts gedacht. Sie schienen sich ja nur um die Jiddisch-Leut zu kümmern.“
Sie zog das blaue gehäkelte Schultertuch enger, als ob sie frieren würde, nahm einen Schluck Tee aus der alten Tasse mit den vielen abgestoßenen Ecken.
„Porajmos, das Verschlingen hat man es später genannt. Oui.“
Sie streichelte Suna über die schwarzen Haare.
Das Mädchen sah ihre Oma neugierig an. Sie meinte in ihren Augen zu erkennen, wie sie in ihren Gedanken weit zurück flog, in die Zeit. Die Zeit, von der sie so selten sprach.
Suna drängte: „Bitte Baba!“
„Ach, das ist nichts für kleine Mädchen vor dem schlafen gehen.“

Suna zog einen Flunsch. Die Baba sah in die Runde, 3 Paar Kinderaugen hingen an ihren Lippen. Sie seufzte.
„Als der Mann mit dem Bärtchen an die Macht kam, da kam mit ihm unser Unglück. Es war eine Nacht wie diese. Oui. Wir hatten am Abend zwei Igel gebraten, ein wenig Salat aus dem Wald dazu. Papa hatte Brot im Dorf besorgt. Das hat geschmeckt, sag ich euch!“
Rupeno und Jos, die beiden Burschen, waren sehr still. Sie wussten um die Geschichte der Sinti und Roma, damals im besetzten Frankreich. Die Baba erzählte weiter.
„Papa hatte mir erzählt, die kleinen Igel, die wir in nasse schwere Erde gepackt hatten, würden gar nichts spüren, von der Glut, in der wir sie legten. Ganz im Gegenteil, sie würden einschlafen, sich sogar freuen, dass sie mit ihrem Körper etwas gegen unseren Hunger tun könnten.“
„Aber …“ begann Suna mit einem Einwand.
„Psch!“ winkte die alte Frau ab.
„Sie haben jedenfalls ausgezeichnet geschmeckt, mit den frischen Baguettes. Ich durfte sogar vom Wein trinken, mir wurde ein bisschen schwindelig.“
Wieder nahm sie einen Schluck von dem Tee, der schon lange nicht mehr dampfte.
„Den ganzen Abend hatten wir auf meine älteren Brüder gewartet, Papa hatte sie alle drei in die Stadt geschickt, zu sehen, ob sie nicht einige Nägel für die Hufe unseres treuen Kasimir, einem sehr alten Schimmel, der immer brav unseren Wagen gezogen hatte, besorgen könnten. Doch sie kamen nicht. Nie mehr sah ich sie wieder.“
Sie nickte traurig und Suna hielt den Atem an.
„Irgendwann stand euer Urgroßvater auf, trat mit seinen schweren Stiefeln gegen das Holz im Feuer, dass die Funken nur so stoben.
Sorgen hat er sich gemacht, wütend mumelte er Verwünschungen, die ich nicht verstand.“
„Sie waren in die Stadt gegangen, deine Brüder? Hat es denn im Dorf nichts gegeben?“ fragte Rupeno.
Die Baba schüttelte den Kopf. „Nein im Dorf fand an diesem Tag ein Fest statt, doch nicht deswegen gab es keine Hufnägel. Es war …“ Sie zögerte.
„Es war, weil sie uns nicht ausstehen konnten, keiner von denen. Und der Mann mit dem Bärtchen hat ihnen noch Mut gemacht. Immer. Wir wären nichts wert, Gesindel, Herumtreiber, Gewohnheitsverbrecher, Gemeingefährliche. Ich habe einmal mitbekommen, wie sie meinen Vater und meine Brüder, sie wollten damals, ein paar Monate vor diesem Abend, nur ein wenig Mehl kaufen, aus einer Gemeinde prügelten. Mich ließen sie nur zufrieden, weil ich noch so ein kleines Mädchen …“
Sie brach ab. Eine dicke Träne rann ihre faltige Wange hinunter. Suna beugte sich zu ihr hinüber und wischte sie sanft ab.
„Du brauchst nicht weiter erzählen, wenn du nicht magst, Baba.“ sagte sie und schluckte schwer. Sie wollte doch so gerne hören, wie es weiterging!

„Nun hab’ ich schon begonnen.“
Die Oma lächelte. „Ist schon so lang her, mein Mädel. Schon so lang.“
Sie richtete sich ein wenig auf, holte Atem, um weiter zu erzählen.
“Euer Urgroßvater, mein Vater, Mihai hieß er, trat also gegen das Holz, die Funken stoben und flogen in die Nacht, wo sie sie im Ungewissen verloschen. Doch seine Söhne hat es nicht zurückgebracht. Ich habe es damals nicht verstanden, versteh es heut noch nicht. Niemand hat je erfahren, was aus ihnen geworden ist.“
Wieder wandte sie ihren Blick zu dem Fenster des Campingwagens. Bltze zuckten.
„Ein Gewitter gab es damals auch, ja. Ich hatte Angst, aber Papa hat mich nicht getröstet, er wartete auf seinen Andrej – auf Niko und Luka. Zornig war er.“ Sie nickte. „Und Mama war damals schon so lange tot, dass ich mich ihrer nicht erinnern konnte. Schließlich kroch ich in mein Schlafeck unter die Decke. Bei dem Donner fürchtete ich mich zwar, doch wenigstens war es trocken, in unserem Wagen.“
Sie wandt ihre Finger zu einem Knoten. Draussen setzte prasselnder Regen ein.
„Auch damals regnete es, wie aus Kübeln. Dies Geräusch auf dem Holzdach hat mich in den Schlaf gewiegt. Und der Wein tat das seine.“
Sie lachte leise, ein trauriges Lachen.
„Deswegen durfte ich ihn wohl trinken. Ich schlief ein, obwohl ich mir schreckliche Sorgen machte, um die drei.“
Sie senkte den Kopf. „Aufgewacht bin ich von einem furchtbaren Poltern an der Tür. Erst meinte ich, es seien die Burschen, die endlich heingekommen waren. Doch in der Dämmerung, die schon angebrochen war, konnte ich erkennen wie mein Vater beschwörend den Zeigefinger an die Lippen legte.
Wütende, laute Stimme klangen vor dem Wagen. Dann waren da plötzlich viele Männer, draussen. „Aufmachen! Polizei!“ haben sie gerufen.“ Die alte Frau ahmte die herrischen Rufe nach. „Plötzlich waren sie in unserem Wagen Sie schlugen meinen Papa, er hat sich nicht gewehrt. Wieder ließen sie mich nur zufrieden, weil ich noch so klein war.“
Ihre Finger krampften sich um die alte Tasse.
„Ich bin ohnmächtig geworden, so muss es gewesen sein. Denn als ich aufwachte, war da kein Papa mehr. Sie setzten mich mit vielen anderen aus unserem Clan, denn natürlich waren wir nicht alleine auf unserem Lagerplatz, in einen Zug.“
Ihre rechte Hand fuhr mit einer heftigen Bewegung auf den Tisch nieder.
“So. Genug für heute. Ihr geht jetzt schlafen!“
„Aber Baba!“ Suna war enttäuscht. Was ist dann passiert? Was passierte deinem Vater?“
Die Großmutter schüttelte den Kopf. „Das ist eine andere Geschichte. Vielleicht morgen.“

Suna erwachte gegen vier Uhr morgens. Sie hörte wütende Stimmen, draussen vor dem Wagen. Dann hämmerte jemand wild gegen die Tür. „Aufmachen! Polizei!“

©TD 082010 aus
Thom Delißen: Question authority

Strittige Gedichtempfehlungen zwischen Tag der „deutschen Einheit“ und DDR-Geburtstag …

Wir sind / das Volk …“

Wie oft wurde dieser Satz schon bemüht. Für Sebastian Deya allerdings nicht so oft, dass er in Ungeschriebene Gesetze: Paragraph 2 nicht noch einen eigenen Gedanken daraus zu machen vermocht hätte.

Es ist Tag der Deutschen … nein, noch nicht ganz. Erstmal nur der deutschen „Einheit“. Ein Jubeltag für einen „Musterossi“. Aber den hat eigentlich Roger Suffo schon „Urnologisch“ verarbeitet.

Aber es gibt eben auch: Slov ant Gali Sippenhaft

Slov ant Gali: Ungebührliche Sterntaler-Demo

Slov ant Gali: Was Hänschen nicht lernt …

Roger Suffo: Krank

Sebastian DeyaHat keinen Wert mehr

Roger Suffo  Logik 2

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